Hüteausbildung

die Vorgeschichte

Hüteausbildung">Dass wir mit einem Berger des Pyrénées einen Hütehund in unser Leben holen würden, das hatte ich zwar zuvor (theoretisch!) gewusst, nicht jedoch die daraus entstehenden Konsequenzen zu überschauen vermocht. Aber kaum war Aurore vom Bassenbrink bei uns eingezogen, zeigte sie Hüteverhalten. Und das nicht zu knapp!
Die Hühner, die Pferde, selbst der Staubsauger – nichts, was sich bewegte, war vor Auri sicher. Sie trieb zusammen, mahnte zur Ordnung, setzte sich souverän durch und war sehr darauf bedacht, mir zu helfen. Dass sie Hüteinstinkt hat, konnte sie beim Hütetest in Mägerkingen zeigen, sie hat ihn mit 100% bestanden.

Was nun tun mit einem arbeitswütigen Hund, der ganz offensichtlich seine Lebensaufgabe im Hüten sieht? Unsere Hühner eignen sich denkbar wenig für eine geregelte Hütearbeit, da sie bei drohender Gefahr (insbesondere, wenn diese als pyrenäisches Donnerwetter über sie hineinbricht) ihr Heil in regelloser Flucht sehen. Bei den Pferden richtete sie mir sehr bald zu viel Unfug an, da sie oft genug zielsicher das falsche Pferd zum falschen Zeitpunkt in die falsche Richtung trieb.

Durch Zufall erfuhr ich dann letzten Herbst, dass im Nachbarort jemand wohnt, der Bordercollies an Schafen ausbildet. Nun sind Bordercollies natürlich keine Pyris, das angeborene Hüteverhalten ist denkbar unterschiedlich, und nicht jeder Borderfan ist bereit, sich mit anderen Hütehunderassen und deren Hüteeigenschaften zu befassen. Aber einen Versuch war es mir allemal wert.

Ich nahm also mit dem Schäfer Andreas Hill Kontakt auf und vereinbarte ein erstes, unverbindliches Kennenlernen. Und fand mich bald darauf an einem verregneten Sonntagmorgen 2002 auf der Schafwiese ein, wo der Schäfer bereits mehrere Hüteschüler unterrichtete, Bordercollies und einen Australian Shepherd. Zum Abschluß der Stunde durfte Auri dann einmal zeigen, was sie so mit Schafen macht.

es geht los!

Hüteausbildung">Das Ganze war für mich, bis auf die Hütetests reichlich schafunerfahren, recht abenteuerlich: da liefen rund 20 junge Schafböcke frei auf einer großen Wiese, ohne richtigen Zaun. Und Auri sollte ich nun einfach von der Leine lassen… Nun, der Schäfer sollte hoffentlich wissen, was er da tat. Und Auri war begeistert – so viele Schafe, und sie durfte sie hüten! Das hat sie auch redlich getan, hat die Schafe kreuz und quer über die Wiese getrieben und die Herde ordentlich zusammen gehalten. Reichlich unkoordiniert, aber absolut sauber, sehr souverän und mit erstaunlich wenig Gebell.

Der Schäfer stand daneben und sagte zunächst nur: „Donnerwetter, meine Schafe haben ja tatsächlich Respekt vor Deinem Hund.“ Respekt hatten die Schafe wahrlich, und zwar nicht zu knapp. Und der Schäfer war von Auri und ihren Hüteinstinkten durchaus angetan und erklärte sich bereit, uns in die Kunst des ordentlichen Hütens einzuweihen.

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Es folgte eine Zeit des Experimentierens, Ausprobierens und Testens. Denn zum einen mussten sich Schäfer und Schafe erst auf das gänzlich andere Hüteverhalten des Pyris einstellen, zum anderen musste vor allem ich erst einmal eine Idee davon bekommen, was ich da von meinem Hund eigentlich erwarten sollte und was man als „Schäfer“ überhaupt mit Schafen und Hund macht.

was soll der Hund lernen?

Da wir nun als Ausbilder jemanden haben, der Schafe nicht frei hütet (also kein Wanderschäfer, der seine Hunde unterwegs als „lebenden Zaun“ einsetzt), sondern auf eingezäunten Wiesen hält, war klar, dass Auri als „Koppelschafhund“ ausgebildet werden würde. Sie sollte also lernen, Schafe auf einer Wiese zusammen zu treiben und zu mir zu bringen, später vielleicht auch einzelne Schafe gezielt von der Herde zu trennen.

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Das wichtigste war zunächst, Auri klar zu machen, das sie auch beim Schafehüten mit mir zusammenarbeiten soll. Erreicht haben wir das relativ einfach (nachdem ich es endlich verstanden hatte): ich muss Stimmkontakt mit ihr halten, und ihr darüber zeigen, das ich noch „da“ bin und am Geschehen beteiligt sein möchte. Zudem kann ich ihr natürlich über die Stimme auch vermitteln, wann sie richtig arbeitet. Gelegentlich setzt sie das auf-mich-zu-treiben allerdings mit einem solchen Elan um, das die Schafe mich schon mal über den Haufen laufen – unvorhergesehene Randeffekte der Hütearbeit bei einer unerfahrenen Schäferin.

Das „bleib“ (im Sinne von „verharre an der Stelle, an der du jetzt bist“) hatte ich schon lange vorher mit ihr geübt, und es stellte sich als eines der wichtigsten Kommandos zu Beginn der Hüteausbildung heraus. Denn schließlich muß man einen Hund beim Treiben der Schafe bremsen können und ihm vor allem auch vermitteln können, wann die Schafe an der richtigen Stelle angekommen sind. Ungewohnt und von mir auch nicht vorbereitet war allerdings die Tatsache, dass ich Auri nun aus der Distanz und vor allem aus vollem Lauf bremsen musste – mit den Schafen zwischen ihr und mir.

Ganz neu war für Auri und mich das Schicken des Hundes nach rechts oder links. Voraussetzung ist natürlich, das man selber nicht ständig rechts und links verwechselt und die Richtungsanweisungen zudem jeweils „aus Sicht des Hundes“ geben kann – dann aber kann man den Hund darüber auch auf Entfernung wunderbar steuern. Erarbeitet haben wir die Anfänge ganz ohne Schafe und statt dessen mit Spielzeug. Bei den Schafen funktioniert das Schicken in eine Richtung noch nicht, da Auri derzeit noch zu schnell für mich ist (manchmal denke ich für diesen Hund einfach zu langsam…) und ich einfach das Gesehene nicht schnell genug in die richtige Richtungsanweisung umsetzen kann. Aber nun, das wird hoffentlich auch noch werden.

was hat es bislang gebracht?

Die Hüteausbildung hat bislang schon sehr positive Früchte getragen. Auri ist inzwischen um einiges verlässlicher geworden. Ich kann inzwischen ohne Leine mit ihr zu den Schafen gehen, ohne dass sie lange vor dem Startkommando einfach schon mal losflitzt, und sie lässt sich auch auf Entfernung schon recht ordentlich dirigieren. Das bietet natürlich auch im Alltag erhebliche Vorteile.

Zudem ist deutlich zu merken, das die Hütearbeit den Hund sehr gut auslastet: nach dem Hüten ist Auri tatsächlich ruhig und sehr zufrieden mit sich und der Welt. Diesen Effekt erreiche ich weder mit Spaziergängen noch mit der normalen Hundeausbildung auch nur annähernd.

Wir sind natürlich mit der Hüteausbildung noch ganz am Anfang und werden es möglicherweise nie bis zur Meisterschaft bringen. Gleichwohl sehe ich, wie viel Freude Auri an dieser Arbeit hat – wo bei der Unterordnung und beim Agility Leckerli und Spielzeug als Motivationsmittel sinnvoll sind, bei den Schafen brauche ich dergleichen nicht, da ist das Arbeiten-dürfen schon die größte Belohnung überhaupt.

Ich finde es zudem ausgesprochen spannend zu sehen, wie Auri mit den Schafen umgeht. Wo die Bordercollies die Schafe mit strengem Blick einschüchtern und dabei mit einem gewissen Anstand zu den Schafen arbeiten, saust Auri direkt auf die Schafe zu, hopst um sie herum und lenkt sie dann, indem sie auf Tuchfühlung neben ihnen läuft. Bellen tut sie bei den Schafen erstaunlicherweise kaum, und die Schafe respektieren sie.

Stellt sich ihr gelegentlich mal der Zuchtbock oder ein erfahrenes Mutterschaf drohend entgegen, dann geht sie den Widerborst nicht frontal an (was durchaus nicht ungefährlich wäre, denn bei „unseren“ Schafen haben beide Geschlechter Hörner), sondern schlägt einen kleinen Bogen und treibt die Herde dann problemlos weiter.

Schaf ist nicht gleich Schaf

Weiße Gehörnte Schnucke und junge Skudden

Sehr interessant war der eine Ausbildungstag, an dem wir nicht die hundeerprobten Schafe des Schäfers, sondern die einer Mitschülerin gehütet haben. Es war sehr deutlich zu sehen, das Schaf nicht gleich Schaf ist – diese Schafe sahen die Hunde von weitem und retteten sich sofort in die entfernteste Ecke der Weide, um dort eine Art Wagenburg zu bilden: die Köpfe in die Mitte, die Hintern nach außen. Frei nach dem Motto: wenn wir keinen Wolf sehen, ist vielleicht auch keiner da….

Die Bordercollies (allesamt älter, hüteerfahrener und weiter ausgebildet als Auri) hatten mit diesen Schafen so ihre Schwierigkeiten. Denn wie hütet man Schafe, die einen nicht angucken, wenn man vor allem mit Auge hütet? Auri dagegen hatte keine Probleme, die Schafe aus ihrer Zaunecke heraus zu holen. Mit ihrer bewährten Methode flitzte sie zu den Schafen, hopste dreimal hin und her, bellte einmal – und die Schafe retteten sich in die Mitte der Wiese. Schwieriger war es schon, die Schafe zum Stehen zu bringen, aber da hatten selbst die erfahrenen, gut ausgebildeten Hunde des Schäfers ihre Probleme.

und was lernt der Mensch dabei?

Auch für mich ist der Umgang mit den Schafen sehr interessant. Dass zahme Schafe artig kommen, wenn ein wildfremder Mensch sie ruft, das war schon eine spannende Erfahrung für mich. Aber dass es wirklich möglich ist (auch ohne Hilfe durch den Hund) mit 60 Mutterschafen im Schlepptau über die Wiese zu ziehen, ohne das man dafür mehr tun muss, als den Schafen ein paar freundliche Worte zu sagen, das hätte ich mir nicht vorstellen können.

Noch weniger hätte ich mir vorstellen können, wie schwer es ist, den Überblick zu behalten, wenn einen 60 Schafe umkreisen und man gleichzeitig noch den Hund im Auge behalten soll. Wie sagt unser Ausbilder so treffend?
Man hat als Schäfer nur drei Probleme: den Hund, die Schafe und sich selber…

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